Im Schlaf gibt es keinen Leistungsdruck
Dass Erektionen im Schlaf eng mit dem Traumschlaf verbunden sind, ist seit den 1960er Jahren bekannt. Der Psychiater Charles Fisher und seine Kollegen beobachteten damals im Schlaflabor, dass die Erektionen im Takt der Traumphasen kommen und gehen (Fisher et al., 1965). Fachleute sprechen vom REM-Schlaf, benannt nach den schnellen Augenbewegungen in dieser Phase.
Diese Erektionen entstehen ohne sexuelle Gedanken und ohne Zutun. Gesteuert werden sie von Zentren im Hirnstamm und vom vegetativen Nervensystem (Hirshkowitz & Schmidt, 2005). Versagensangst, Termindruck oder ein Streit am Abend haben in dieser Phase wenig Zugriff. Genau das macht sie so aufschlussreich.
Warum das für die Ursache wichtig ist
Für eine Erektion braucht es intakte Nerven, gesunde Gefäße, ausreichend Hormone und einen Kopf, der mitspielt. Klappt es im Wachzustand nicht, nachts aber schon, spricht das dafür, dass die körperlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Ärzte sprechen dann von einer überwiegend psychisch bedingten Erektionsstörung. Häufige Auslöser sind Stress, gedrückte Stimmung, ein angeschlagenes Selbstwertgefühl oder Probleme in der Partnerschaft. Nicht selten mischen sich psychische und körperliche Anteile (Rosen, 2001).
Die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie beschreibt die Messung der nächtlichen Erektionen deshalb als Untersuchung, mit der sich körperliche und psychische Ursachen voneinander abgrenzen lassen (Salonia et al., 2021). Auch ältere Übersichtsarbeiten betonen diesen Nutzen, weisen aber darauf hin, dass kein einzelner Test die Ursache allein klärt (Levine & Lenting, 1995).
Zwei mögliche Bilder
Kräftig und regelmäßig. Nerven und Durchblutung funktionieren grundsätzlich. Dann lohnt der Blick auf andere Auslöser, etwa Stress, Erwartungsdruck, Beziehung oder Medikamente. Schon das Wissen, dass körperlich vieles in Ordnung ist, nimmt manchen Männern einen Teil des Drucks.
Schwach oder selten. Das kann auf eine körperliche Ursache hinweisen, zum Beispiel an den Gefäßen, an den Nerven oder bei den Hormonen. Dann gehören Blutdruck, Blutzucker, Blutfette und Hormone auf den Prüfstand. Ihr Urologe weiß dann, wo er weiter nachsehen sollte.
Kein Urteil, sondern ein Hinweis
So einfach wie ein Lichtschalter ist es nicht. Auch der Schlaf selbst beeinflusst das Ergebnis. Wer schlecht oder zu kurz schläft, hat weniger Traumphasen und damit weniger Gelegenheit für Erektionen. Bei Männern mit Depression waren die nächtlichen Erektionen in einer Studie deutlich schwächer als bei gesunden Vergleichspersonen, auch wenn man die Schlafdauer berücksichtigte (Thase et al., 1988). Bestimmte Medikamente können ebenfalls eine Rolle spielen.
Deshalb ist eine einzelne Nacht wenig aussagekräftig. Mehrere Nächte in Folge zeichnen ein deutlich stabileres Bild. Und eine Messung ersetzt nie die ärztliche Untersuchung. Sie gibt Ihrem Arzt aber eine objektive Grundlage, statt nur auf Erinnerung und Bauchgefühl angewiesen zu sein.
Früher Schlaflabor, heute das eigene Bett
Lange war eine solche Messung nur in der Klinik möglich, mit Kabeln, fremdem Bett und oft nur einer Nacht. Mit 2N8 messen Sie zu Hause, über mehrere Nächte und unter Ihren gewohnten Bedingungen. Das Ergebnis nehmen Sie als PDF oder in der App mit in die Praxis. Wie sich die Messung über sechs Jahrzehnte entwickelt hat, lesen Sie im Beitrag Vom Schlaflabor ins eigene Bett.
- Nächtliche Erektionen entstehen ohne Zutun im Traumschlaf.
- Sind sie kräftig und regelmäßig, funktioniert körperlich vieles.
- Sind sie schwach, sollte ein Arzt weiter nachsehen.
- Mehrere Nächte sind aussagekräftiger als eine.
Quellen
- Fisher, C., Gross, J., & Zuch, J. (1965). Cycle of penile erection synchronous with dreaming (REM) sleep: Preliminary report. Archives of General Psychiatry, 12(1), 29-45. https://doi.org/10.1001/archpsyc.1965.01720310031005
- Hirshkowitz, M., & Schmidt, M. H. (2005). Sleep-related erections: Clinical perspectives and neural mechanisms. Sleep Medicine Reviews, 9(4), 311-329. https://doi.org/10.1016/j.smrv.2005.03.001
- Levine, L. A., & Lenting, E. L. (1995). Use of nocturnal penile tumescence and rigidity in the evaluation of male erectile dysfunction. Urologic Clinics of North America, 22(4), 775-788.
- Rosen, R. C. (2001). Psychogenic erectile dysfunction: Classification and management. Urologic Clinics of North America, 28(2), 269-278. https://doi.org/10.1016/s0094-0143(05)70137-3
- Salonia, A., Bettocchi, C., Boeri, L., Capogrosso, P., Carvalho, J., Cilesiz, N. C., Cocci, A., Corona, G., Dimitropoulos, K., Gül, M., Hatzichristodoulou, G., Jones, T. H., Kadioglu, A., Martínez Salamanca, J. I., Milenkovic, U., Modgil, V., Russo, G. I., Serefoglu, E. C., Tharakan, T., ... Minhas, S. (2021). European Association of Urology guidelines on sexual and reproductive health 2021 update: Male sexual dysfunction. European Urology, 80(3), 333-357. https://doi.org/10.1016/j.eururo.2021.06.007
- Thase, M. E., Reynolds, C. F., Jennings, J. R., Frank, E., Howell, J. R., Houck, P. R., Berman, S., & Kupfer, D. J. (1988). Nocturnal penile tumescence is diminished in depressed men. Biological Psychiatry, 24(1), 33-46. https://doi.org/10.1016/0006-3223(88)90119-9
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